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Zeichnungen

aZeichnung 11 B bZeichnung 12 B c110405-110421 d110602 b e110602 c

27. Januar bis 12. März 2010

Jeder Zeichnung von Elizabeth Schroeder gehen andere  Zeichnungen voraus, ihr folgen weitere, so entstehen fast alle ihre Blätter als Reihen, Gruppen; eine Zeichnung bringt die nächste hervor, zieht andere nach sich. Und doch steht jedes Blatt für sich, hat einen eigenen Atem. Zugleich verweisen sie aufeinander, sind über alle materiellen, sprachlichen Unterschiede hinweg sichtlich verwandt miteinander. Ihr Zusammenhang rührt her von der Konzentration auf die Linie (keine expressive, aber eine sich der Hand, der Handbewegung verdankende, oft zögernd, tastend, mitunter stockend, sich verhakend, dann wieder fließend, geschmeidig, eigensinnig und unvorhersehbar, dabei selten weit ausgreifend, nuancenreich gezeichnete Linie ...).

Mit dieser Linie, diesen Linien formt die Zeichnerin zumindest am Anfang des jeweiligen Arbeitsprozesses Rauten, sie sind der Einstieg in die Arbeit, ins Blatt, in die das Blatt erschließende Bewegung. Dabei bleibt alles sichtbar, jede Handlung hinterlässt ihre Spuren (und seien es die gelegentlichen Löschungen, die nie vollständige Tilgungen sind, vielmehr bleiben sie ahnbar als Spuren von Spuren). Rauten sind die Keimzellen ihrer Zeichnungen, ihre Grundschrift. Aus diesem Nukleus erwächst alles Weitere. Rhomben, längst aus der strengen Repetition der stets freihändigen, aber doch äußerst exakten Formulierung der Jahre bis etwa 2008 / 2009 gelöst, bleiben als inzwischen frei handhabbares Ausgangsformmaterial  Basis des Zeichnens. Sie können vielfältig variiert, verzerrt, erweitert werden und bleiben doch kenntlich, leserlich (und sind im strengen Sinne längst keine Rhomben mehr); sie sichern noch den dichtesten, vielschichtigsten Blättern eine kristalline Klarheit, egal wie frei sie behandelt, durchkreuzt, aus dem strengen Bau der Symmetrie der Anfangsformen entbunden sind.

Elizabeth Schroeders Zeichnen ist eine Art der Fortbewegung, der Raum schaffenden Raumerkundung. Besonders augenfällig wird dies in den kleineren, kleinteiligen, mehrfarbigen 2011 und 2012 entstandenen Blättern mit ihren kühleren und wärmeren Bezirken (wenige Blautöne, Sepia, einige Ockervarianten, Braun, Graphitgrau). Zurückhaltend aber wirkungsvoll reichern die zwei, drei, selten vier verschiedenen  zugleich genutzten Stifte durch chromatische Differenzierungen die Arbeit an. Was als ein bewegliches, bewegtes Netz vor Augen steht (voller Irregularitäten, Abweichungen) mit engmaschigen Verdichtungen und weit ausgreifenden, wie gedehnten, expandierenden Arealen, erinnert an freihändige Entwürfe komplexer Oberflächen, Ausmessungen von Gebirgen oder handlichen Kristallen. Als könnten sie zu Dingen werden, als wäre eine Plastizität mitgedacht, auch wenn kein Ding, keine Landschaft (oder auch nur die vage Vorstellung davon) mit im Spiel gewesen sein mag, so entsteht doch, unter der Hand, unter unseren Blicken eine diskontinuierliche, schwebende, leichte, von Transparenz geprägte Räumlichkeit.

Keine dieser Zeichnungen war vorherzusehen. Es gab sie nicht als Vorstellung oder Idee oder Plan. Sie sind Erfindungen des Augenblicks (in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin, ihrer Hand); sie ereignen sich. Unter unseren Augen werden sie (wieder) zu Ereignissen.

(Jens Peter Koerver)

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